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Mongolisch-deutsche Theaterpremiere in Berlin

von Brit Beneke
Fotos: briti bay fotodesign


Kohlhaas mit seinem Pferd

Im Jahr 2014 sorgte ein Festival der Initiative Urban Nomads // Nomad Citizens in Berlin dafür, dass junge zeitgenössische Kunst aus der Mongolei erstmals in der Bundesrepublik Deutschland im größeren Rahmen wahrgenommen wurde. Seitdem initiierten Urban Nomads // Nomad Citizens fortlaufend Kunst-, Bildungs- und Forschungsprojekte, um den Austausch zwischen mongolischen und deutschen NachwuchskünstlerInnen zu befördern. Das neueste Projekt war Ende März 2018 in Berlin zu sehen. Im bat-Studiotheater wurde die Deutschland-Premiere „Michael Kohlhaas - An Attempt to Leave the Circle“ frei nach Heinrich von Kleist präsentiert. Das Team setzte sich aus Studierenden der Mongolian State University of Arts and Culture (MSUAC) und der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ (HfS), Berlin, zusammen. Es hatte zuvor die Inszenierung in der mongolischen Hauptstadt Ulaan Baatar unter der Regie der HfS-Studentin Friederike Förster erarbeitet und aufgeführt.

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Das Bühnenbild ist genial schlicht: ein Lichtkreis durchzogen von einer roten Linie, welche die Grenze markiert, an der der Rosshändler Kohlhaas aufgehalten wird.

Wie im Titel „An Attempt to Leave the Circle“ (Ein Versuch, den Kreis zu verlassen) angedeutet, wird in der Auseinandersetzung mit dem Stoff experimentiert. Der Versuch ist durchaus doppeldeutig zu verstehen. Einerseits geht es dem Protagonisten Michael Kohlhaas darum, den Kreis der willkürlichen Ungerechtigkeit zu durchbrechen. Im Kampf um Gerechtigkeit baut er eine Spirale der Gewalt auf, aus der es immer schwieriger für alle Beteiligten wird, herauszukommen.


Beschwerde von Kohlhaas bei Kleist

Andererseits tritt das Schauspielteam während der Aufführung aus dem Stoff heraus. Heinrich von Kleist (Felix Kammerer) wandelt zwischen den Figuren seines Stücks und kommentiert. Dann tritt Kohlhaas an ihn heran und beschwert sich über den tragischen Verlauf der Geschichte. Dieser Sprung auf die Metaebene wirkt erfrischend. Er gibt eine neue Perspektive auf die Handlung frei.

Auch Mikrostorys erweitern das Stück und verknüpfen es mit der heutigen Zeit. In einigen Momenten gehen die Schauspielenden ins Publikum und sprechen zu dem kleinen Kreis der vor ihnen Sitzenden. Es geht dabei um aktuelle Ungerechtigkeiten. Beispielsweise berichtet die deutsche Schauspielerin Nora Di Fausto, dass das Kindergeld in der Mongolei circa acht Euro beträgt. Sie beschreibt, für wie wenig dieses Geld reicht und vergleicht es mit der Höhe des Kindergelds in der BRD.


Ansprache ins Publikum

Während der Aufführung wechseln die Schauspielenden zwischen Englisch, Mongolisch und Deutsch hin und her. Eingeblendete Übertitel helfen. Dieses Fallen in eine andere Sprache, manchmal zwischen den Sätzen, verleiht der Vorstellung einen speziellen Reiz und wahrt die gewollte Distanz zur Handlung.

Am Ende, nach dem Applaus bleibt das lädierte Pferd, der Anlass aller Kämpfe, allein auf der Bühne liegen.


Am Ende das lädierte Pferd

Im Vorraum des Theatersaals wurden visuelle und interaktive Projekte von Studierenden der MSUAC und derSRH Hochschule der populären Künste (hdpk) präsentiert. An die Wände waren Filme und Bilder projiziert. Auf dem Fußboden lagen Zettel mit Fragen an die BesucherInnen: „Warum bist du hier?“ oder „Bist du gelangweilt?“. Eine junge Mongolin im Deel und traditionellem Kopfschmuck hatte sich auf Berliner Straßen mit dem Schild „Kann ich dich etwas fragen?“ gestellt. Ihre Interventionen aus dem Stadtraum waren auf Bildschirmen zu betrachten.

Ein weiteres Projekt bezog sich auf das soziale Punktesystem, das nach und nach in China eingeführt wird. BesucherInnen konnten Andere bewerten, indem sie Daumen-hoch- oder Daumen-runter-Klebepunkte an der Kleidung der jeweiligen Person anbrachten. Je schlechter die Bewertung, desto mehr Restriktionen wurden laut der Anleitung des Experiments angedroht.


Klebepunkte für soziale Bewertung

Alle Projekte waren darauf angelegt, dass die Besuchenden aktiv wurden und sich gedanklichen Auseinandersetzungen stellten. Dadurch kamen Publikum und Kunstschaffende schnell miteinander ins Gespräch.


Fragen auf dem Fußboden


Kann ich dich etwas fragen?


Das Team der Akteure


   

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Last Update: 13. April 2018