5000 km Mongolei per Fahrrad

Reisebericht von Simone Suter und Gregor Schefer

Dieser sehr kurz gefasste Artikel berichtet nicht in erster Linie von unseren speziellen Erlebnissen. Wir haben ihn relativ allgemein und zusammenfassend geschrieben, um ihn übersichtlicher zu gestalten. Unser Bericht soll Ihnen Anregungen, Tips und Ideen für ähnliche Reisen bieten, wobei er keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit erhebt. Sämtliche Aussagen basieren auf unseren eigenen Eindrücken und Erfahrungen und sind demnach subjektiv gewertet. Die Schilderungen über Klima und Landschaft sind immer im Zusammenhang mit der aktuellen Jahreszeit zu sehen, wobei aber auch Schwankungen und Unterschiede von Jahr zu Jahr unbedingt berücksichtigt werden müssen. Wir haben uns auf alles Velospezifische beschränkt und möchten für alles weitere, insbesondere das Kulturelle, auf die entsprechenden Reiseführer, Reiseberichte und Literatur verweisen.

Reisebericht

Anreise und Aufenthalt in Ulaanbaatar (UB)

Nach einer zweijährigen, zeitweise sehr intensiven Vorbereitungszeit erreichen wir am Morgen des 6. April 1998 gespannt, voller Erwartungen und nicht ganz ohne etwas Angst vor dem Unbekannten die mongolische Hauptstadt. Hinter uns liegt eine siebentägige Zugreise von der Schweiz über Moskau nach UB und vor uns ein noch unbekanntes sechsmonatiges Abenteuer. Im Vergleich zur Anreise mit dem Flugzeug dauert die Zugreise sehr lange, ist teuer, umständlich zu organisieren, weniger komfortabel, und die Mitnahme des klein zerlegten Velos nicht immer einfach. Dafür bleibt uns so genügend Zeit für die Umstellung vom Arbeitsalltag auf unsere bevorstehende Reise, erleben wir die sich verändernde Landschaft, werden uns beim Bahnhofwechsel in Moskau bereits die ersten Abenteuer geboten, und nähern wir uns mit etwa 70 Kilometern pro Stunde langsam, aber sicher unserem ersehnten Zielland. Dazu kommt, dass wir unser Naturerlebnis nicht ausgerechnet mit einer die Natur zerstörenden Anreise beginnen wollen, wie dies mit der in unserer Gesellschaft selbstverständlich gewordenen Unart des Fliegens der Fall wäre.

Müde und verschwitzt werden wir am Bahnhof von Zulaa, unserer mongolischen Gastgeberin, abgeholt. Wir haben das Glück, für ein paar Tage, bis wir unsere Visa auf die unmöglich lange Dauer von sechs Monaten verlängert haben, bei ihr in einer kleinen Wohnung in einem sozialistischen Plattenhochhaus wohnen zu dürfen. Leider werden aus ein paar Tagen allmählich volle zwei Wochen, welche wir mit Warten auf unzähligen Ämtern verbringen. Die Hilfe kommt per Internet von einem hilfsbereiten Herrn aus Deutschland, welcher uns die Adresse von einem einflussreichen Mongolen angibt. Nach einem ausgerichteten Gruss geht auf einmal alles sehr rasch, und wenige Tage darauf können wir mit je einem dreimonatigen Visum sowie der Option auf Verlängerung unsere Veloreise starten. Zusätzlich zu den Visa bekommen wir ausserdem ein Schreiben vom Polizeiministerium, welches uns uneingeschränkte Bewegungsfreiheit im ganzen Land gewährt.

Bulgan - Mörön - Ulaangom, Frühling

Bei Temperaturen tagsüber um den Gefrierpunkt und nachts deutlich darunter fahren wir, natürlich bei kräftigem Gegenwind, nach Westen. Diese Strecke ist mehrheitlich geprägt von weiten Steppen, welche nur gelegentlich von Hügeln unterbrochen werden, und zu unserer Überraschung auch von vielen sandigen Gebieten, die vor allem in der zweiten Hälfte dieser Etappe liegen. Die Landschaft präsentiert sich der Jahreszeit gemäss sehr trocken, dürr und gelbbraun. Stellenweise wüten grosse Wald- und Steppenbrände, die meist absichtlich entfacht werden, um Geweihe von Wild zu finden. Auch der starke, zum Teil stürmische Westwind ist für die Mongolei und besonders für den Frühling nichts aussergewöhnliches und sorgt dafür, dass wir unser Zelt am Morgen immer frei von Kondenswasser verpacken können. Täglich erleben wir bei viel Sonne schöne Wolkenspektakel, die über den Himmel ziehen. Gelegentlich fegen Sandstürme über die Ebenen. Bekanntschaft mit Regen machen wir bis Mitte Juli nur ein einziges Mal, so dass uns die meist brückenlosen Flüsse keine allzugrossen Probleme bereiten. Die Wege und Pisten sind hier mehrheitlich erdig und gut befahrbar, manchmal waschbrettartig gerillt, so dass wir auf unseren ungefederten Velos geschüttelt und durchgerüttelt werden. In den sandigen Abschnitten bleibt uns nichts anderes übrig, als unsere schwer bepackten Velos zu schieben. Steine sind hier noch selten. Die Steppen sind voller Herden mit unzähligen Jungtieren. Für viele schwächere Pferde, Kamele und Schafe bedeutet der karge Frühling jedoch den Tod. Sie liegen verwesend auf der Steppe und werden von den aasfressenden Vögeln verspiesen. Jede Tierleiche wird vom Wind (aufgrund des Verwesungsgestanks) lange im voraus angekündigt. Wir freuen uns über die ersten Blumen und Gräser, welche die Steppe zu beleben beginnen. Wie bei uns zu Hause wird der Frühling von vielen Vögeln und ihren zwitschernden Gesängen begleitet.

Ulaangom - Ölgiy - Hovd - Hovd Bulgan

Die zweite Etappe ist geprägt vom steilen Altay-Gebirge. Die Wege, Pisten und Spuren, denen wir folgen, sind oft steinig oder sandig und schwierig befahrbar. Speziell die scharfkantigen Steine setzen unseren Reifen arg zu, und die im Sand versteckten stacheligen Samen lassen unseren reichlichen Vorrat an Flicken bedrohlich schrumpfen. Um den Zeltboden vor den Stacheln zu schützen, legen wir unsere Liegemätteli unter das Zelt, direkt auf den Sand. Harte Aufstiege zehren an unseren Kräften, doch werden wir immer wieder mit schönen, eindrücklichen Aussichten belohnt. Schnelle Abfahrten sind wegen der steinigen Wege selten möglich. Gegen- und Rückenwind wechseln sich von der sechsten Woche an ziemlich gleichmässig ab, da wir nun hauptsächlich südwärts fahren, und das Gebirge den Wind deutlich abbremst. Vor allem im letzten Abschnitt dieser Etappe haben wir einige Flüsse zu queren und waten manchmal in der Fliessrichtung des Flusses auf einem knietief überspühltem Weg.

Hovd Bulgan - Altay - Uliastay, der heisse Frühsommer

Die hier zu querenden Wüstenausläufer sind fast ausschliesslich steinig. Die Temperaturen erreichen unerträgliche Werte. Der Wunsch nach Wolken, Regen oder wenigstens einem schattenspendenden Baum für eine Mittagsrast wird immer grösser, bleibt aber unerfüllt. Oft hocken oder legen wir uns unter die Bodenfolie des Zeltes, um wenigstens ein bisschen etwas wie Schatten zu finden. Wasser ist selten vorhanden - und meist nur in schlechter Qualität. Dafür steigt unser Wasserbedarf bis auf 5,5 Liter pro Person und Tag. Gerade hier, wo wir unmöglich eine Pause einschalten können, werde ich (Gregi) krank, so dass ich trotz Fieber, Kopf- und Bauchschmerzen unter äusserst mühsamen Voraussetzungen noch einige Tage weiterfahren muss. An einem sehr schmutzigen Fluss - besser als gar kein Wasser - brauche ich eine volle Woche, bis wir wieder an ein Weiterfahren zu denken vermögen. Wenige Tage später erreichen wir nach insgesamt knapp elf Wochen Fahrzeit Uliastay, wo wir den uns sehr langweilig und stimmungslos erscheinenden Nadam miterleben. Die guten Kämpfer seien eben alle nach UB gefahren...

Uliastay - Tsetserleg - Bayanhongor - Arvayheer - UB, Regenzeit

Gerade als wir Uliastay verlassen, bricht mit voller Wucht die Regenzeit an und begleitet uns mehr oder weniger intensiv bis in die Hauptstadt zurück. Abgesehen vom Abschnitt südlich des Hangay-Gebirges regnet es fast täglich einige Male, jedoch werden die Niederschläge immer wieder für mehrere Stunden unterbrochen - gelegentlich ist es sogar sonnig. Meist können wir unser Zelt in einer Regenpause auf- beziehungsweise abbauen. Da die Vergaserleitung unseres Benzinkochers nach gut zwei Monaten verstopft ist, sind wir seither auf Holz oder Tierdung für die Zubereitung warmer Mahlzeiten angewiesen, was beides bei diesem Wetter oft unmöglich zu finden ist, so dass wir uns mehrere Tage aufeinander nur kalt ernähren. Die Wege sind regelmässig völlig schlammig oder befinden sich unter Wasser, die Flussquerungen werden heikler. Dafür mangelt es nicht mehr an fliessendem, frischem Wasser. Und die unheimlich farbigen, doppelten Regenbogen, die fast jeden Abend über der mittlerweilen saftig-grünen Steppe entstehen, faszinieren uns bis ins Innerste.

Nach insgesamt 124 Tagen erreichen wir UB nach 5000 zurückgelegten Kilometern während gut 100 Fahrtagen.

Zuletzt noch einige Bemerkungen zum mongolischen "Strassen"zustand und dem Fahrrad als Transportmittel: Drei Viertel der Wege bezeichnen wir als mehr oder weniger gut mit dem Velo befahrbar. Der restliche, schwer bis nicht befahrbare Viertel verteilt sich auf die gesamte Strecke. Am harmlosesten und am einfachsten mit dem Fahrrad zu bereisen ist das Gebiet nördlich vom Hangay-Gebirge. Bei längeren Reisen (ab etwa 1500 km) treten allerdings auch beim besten und/oder teuersten Material Probleme auf, so dass viel technisches Geschick, Reparaturmaterial, Werkzeug und eine Menge Improvisierfähigkeiten erforderlich sind. Der Juni und die erste Hälfte des Juli sind klimatisch am angenehmsten. Die Steinwüsten und Gebirge entpuppten sich als anspruchsvoll, wobei die letzteren aber gleichzeitig auch besonders schön zu befahren sind. Die kalten Jahreszeiten möchten wir nur erfahrenen Trekkern empfehlen. Der Meinung, dass dieses Land zu gross, zu eintönig oder zu langweilig sei, um es per Velo zu entdecken, können wir absolut nicht beipflichten. Es ist uns zu keiner Zeit langweilig geworden! Das Auge spezialisiert sich bald auf kleine wichtige Dinge und ungewöhnliche Veränderungen, welche das Velofahren in dieser Landschaft irrsinnig interessant machen. Wir haben uns sehr häufig gefühlt, als ob uns Flügel gewachsen wären.

Wandern im Hentiy-Gebirge, Herbst

Nachdem wir es mit unseren kaputten Pneus gerade noch ganz knapp bis zur Hauptstadt zurück geschafft haben, erleben wir den ausgesprochen farbigen Herbst zu Fuss in einem grossen, unbeschreiblich schönen Naturschutzgebiet, kaum 100 km östlich von UB. Während drei Wochen sehen wir keinen einzigen Menschen und durchstreifen auf absolut weglosem, dafür umso mehr bebuschtem Gelände, die wildeste und hier wirklich vollkommen unberührte Natur. Spuren von Wildschweinen und Bären lassen unsere Herzen etwas verstärkt pochen und unsere Ohren nachts besonders gut lauschen. Die Orientierung auf der 'Wanderkarte 1 : 1Mio' gestaltet sich trotz der Satellitennavigation nicht einfach. Die Rucksäcke mit Essen für drei Wochen sind zu Beginn nur schwer auszuhalten, werden dann aber immer leichter, bis sie sich schliesslich beinahe federleicht anfühlen. Genügend haltbaren Proviant zu finden ist in der Mongolei übrigens ein grosses Problem: Brot zum Beispiel ist meist nur halb gebacken, teigig und schimmelt innert Kürze...

Regen und Sonne wechseln sich ab, so dass wir auf dem extrem moosigen Untergrund und bei den Querungen der unzähligen Flüsse ständig nasse Füsse haben, welche erst in UB wieder trocknen sollten. Nach etwa drei Tagen gewöhnt man sich an dieses gluntschende Gefühl in den Schuhen. Die Temperaturen nähern sich gegen Ende unserer dreiwöchigen Tour sehr rasch wieder dem Nullpunkt, und unterschreiten diesen in den letzten zwei Nächten deutlich. Die nassen Schuhe sind am Morgen entsprechend gefroren.

Diese Wanderung war unbestritten strapaziös, dafür wegen der absolut einmaligen Natur und der Erfahrung, sich in einer solch von Besonderheiten und Wundern geprägten, intakten Urlandschaft zu befinden, umso lohnenswerter. Dass man sich, wenn man hier als Mensch eindringt, nur mit grösster Vorsicht und Respekt gegenüber der Natur bewegt, versteht sich hoffentlich von selbst.

Tips für Veloreisen

Einkaufen in den Aimag-Zentren

In kleineren bis mittelgrossen Märkten und Läden findet man normalerweise Brot, Butter, Schokoaufstrich, Mehl, Teigwaren, Reis, Hirse, Zucker, Salz, Gebäcke, Kekse, Bonbons, Dörrbananen, Schokolade, Tee, Fleisch und gelegentlich Gemüse wie Zwiebeln, Kartoffeln, Knoblauch, Karotten und Rüben. Mehr ist Glückssache! Mit WC-Papier zum Beispiel darf keinesfalls gerechnet werden. Da alles abgewogen und in sehr dünne, sofort reissende Plastiksäcke verpackt wird, bringt man am besten robuste Plastiksäcke aus Ulaanbaatar (Schwarzmarkt) oder von zu Hause mit.

Einkaufen in der Provinz:

Hier sucht man vergebens nach einem Markt, und auch die Läden beziehungsweise Kioske bieten kaum etwas, das der Reisende brauchen kann. Manchmal findet man hier deutsche Schokolade, tschechische Biskuits, vietnamesische Dörrbananen, Bonbons, Mehl und einheimisches Gebäck, zum Teil auch noch Reis oder Hirse. Kioske stehen in den kleinsten Orten und in der Nähe von Ulaanbaatar oft sogar unmittelbar an der Strasse.

Wasserqualität

Obwohl wir darüber keine analytischen Aussagen machen können, meinen wir, dass vom Wasser keine allzu grosse Gefahr ausgeht, auch wenn es vielerorts nicht mehr ganz so rein wie überall gepriesen ist. Da Mensch und Tier aus den Flüssen trinken sowie sich selbst, als auch ihre Wäsche und Autos dort waschen, gibt es sicher eine recht hohe Keimzahl. Unser Immunsystem kann hingegen mit einigem fertigwerden. Ob unsere regelmässigen Darmstörungen auf das Wasser zurückzuführen sind oder vielmehr auf die offenen, ungekühlten und von allen x-mal angefassten und durchwühlten Lebensmittel, wissen wir nicht... So oder so: Selbst bescheidene schweizerische Hygienevorstellungen lässt man am besten allesamt daheim!

Diebstahl

Als speziell gefährlich erlebten wir die Busse in UB, wo wir trotz grösster Sorgfalt dreimal bestohlen wurden. Aber auch weit draussen in der Steppe hatten wir diesbezüglich zwei unerfreuliche Erlebnisse. Vorsicht scheint hier nicht fehl am Platz.

Post / Telefon

Die Briefe und Postkarten von der Mongolei in die Schweiz erreichten alle nach ca. 10 Tagen ihr Ziel. Umgekehrt war es schwieriger, denn sowohl ein Brief, wie auch sämtliche vier Pakete (zum Teil eingeschrieben und versichert) kamen nie in UB an.

Das Telefonieren ausserhalb von UB ist schon fast ein Abenteuer für sich. Es gibt kein einheitliches System, aber im allgemeinen läuft dies etwa wie folgt ab: Man drängt sich am Schalter mit einem Zettel, auf dem die gewünschte Telefonnummer steht, vor, erklärt wie lange der Anruf dauern wird und bezahlt im voraus. Die Differenz zum tatsächlichen Gespräch wird anschliessend abgerechnet. Die Verbindungsqualität variierte von absolut unverständlich bis ziemlich verständlich.

Visa

In dieser Beziehung hatten wir sehr ernsthafte Schwierigkeiten. Mehr als drei Monate in der Mongolei zu reisen ist - ohne wirklich grosses Glück zu haben und so an die richtige Person zu gelangen - unmöglich.

Bevölkerungsdichte

Bei einer Bevölkerungsdichte von 120-mal weniger Menschen pro Fläche als in der Schweiz glaubten wir anfänglich, in ein Land zu reisen, in welchem wir bestenfalls alle paar Tage mit etwas Glück und durch Zufall auf Menschen treffen würden. Die Realität sah jedoch ganz anders aus. Da die Nomaden oft motorisiert sind (Lastwagen lösen heutzutage die Kamele ab, Motorräder immer häufiger die Pferde) und sie ihre Plätze anhand der Strassen sowie des vorhandenen Wassers aussuchen, während wir unsererseits ebenfalls sowohl von den Strassen als auch vom Wasser abhängig waren, schien die Verteilung der Bevölkerung trotz der Weite oft fast eindimensional, so dass wir sehr selten einen Tag lang reisten, ohne auf Menschen zu stossen. Da wir mit der falschen Vorstellung und demzufolge mit einer unrealistischen Erwartung reisten – wir suchten die Abgeschiedenheit – wurden uns diese ununterbrochenen Begegnungen oft zu viel des Guten. Häufig sehnten wir uns nach Ruhe und ‚alleinsein dürfen‘. Im Nachhinein erkennen wir dies als eine falsche, vielleicht typisch schweizerische Einstellung. Mit solchen Erwartungen hätten wir ein anderes Land bereisen müssen.

Als Paar in der Mongolei unterwegs

Wie in der Mongolei das Reisen als Frau alleine oder zu zweit erlebt wird, wissen wir nicht. In unserer Situation als Paar war die Rangordnung jederzeit ganz klar: Die Männer sprachen fast ausschliesslich mit mir. Simone wurde normalerweise kaum beachtet. Ich wurde gefragt, wie sie heisse, wie alt sie sei, usw. .

Ergänzung von mir (Simone): Als Frau fühlt man sich minderwertig, ausgegrenzt, manchmal sogar wie der letzte Dreck. Einigen mongolischen Männern schien es selbst völlig unangebracht, dass ich tatsächlich ein eigenes Fahrrad besass und erst noch fähig war zu radeln. Andere wiederum zeigten sich von einem Wahn besessen, mir unbedingt "helfen" zu müssen. Das ging soweit, dass sie mir meine persönlichen Sachen aus der Hand rissen. Solche Behandlungen erweckten in mir oft Wut, manchmal auch Traurigkeit. Doch ich liess mich natürlich nicht unterkriegen...

Zu Gast in der Mongolei

Als Gastgeber fühlen sich die Mongolen gegenüber ihren Gästen im allgemeinen in ganz besonderem Masse verantwortlich. Sie wollen unter keinen Umständen, dass ihnen etwas zustossen könnte. Dies äussert sich dann darin, dass sie einem kaum etwas alleine machen lassen oder dass sie einem immer wieder vor einer Unmenge echter und unechter Gefahren warnen. Sie bemühen sich oft so stark um das Wohlergehen ihrer Gäste, dass es einem geradezu unwohl werden kann. Oft hatten wir das Gefühl, kaum mehr selbst atmen zu können, und schliesslich hatten wir nur noch das eine im Kopf: möglichst bald wieder in die Freiheit zu kommen.

Landkarten / Orientierung

Gutes Kartenmaterial ist schwierig beziehungsweise überhaupt nicht zu bekommen. Die meiste Zeit fuhren wir nach amerikanischen Flugkarten im Massstab 1:1 Mio., welche allerdings vor mehreren Jahren letztmals aktualisiert worden sind. Der Vorteil dieser Karten lag im präzisen Koordinatennetz, welches für das Übertragen der Positionen ab GPS (Satellitennavigation) sehr hilfreich war. Als nachteilig wirkten sich der grobe Massstab sowie die Tatsache, dass die Ortsnamen häufig nicht stimmten oder/und Dörfer gelegentlich kilometerweit (bis 40km) daneben eingezeichnet waren, aus. Eher selten fanden wir Orte, die gar nicht eingezeichnet waren oder aber eingezeichnete Ortschaften, die in Wirklichkeit nicht existierten. Die Höhenkurven mit einer Äquidistanz von 300 Meter liessen nicht immer präzise Rückschlüsse über mögliche Querungen zu. Die Wege waren für eine Karte in diesem Massstab einigermassen genau eingezeichnet. Darauf verlassen darf man sich jedoch nicht. Die Flugkarten 1:500'000 zeigen nur sehr unwesentlich mehr Details.

In UB fanden wir ebenfalls im Massstab 1:1 Mio. mongolische Karten, welche gemäss der letzten Nachführungsdaten mehr Aktualität versprachen. Im Vergleich zu den amerikanischen gaben diese Karten die exakten Ortsnamen in kyrillischer Schrift an, zum Teil auch genauer eingezeichnet. Das Koordinatennetz war nur grob am Kartenrand angedeutet. Die Höhenkurven lagen keiner oder einer nicht erkennbaren Äquidistanz zugrunde. Wege und Flussläufe stimmten auch nicht besser mit der Realität überein als bei den amerikanischen Karten. In Anbetracht des sehr hohen Preises, der schlechten Druckqualität und der Schwierigkeit, diese Karten überhaupt kaufen zu können, raten wir eher davon ab.

Als sehr hilfreich, wenn auch nicht zwingend notwendig, erwies sich die Satellitennavigation mittels GPS. Dieses kleine und handliche Elektronikgerät ermittelte uns oft Sicherheit über unsere aktuelle Position und liess so zusammen mit einem präzisen Kompass eine zuverlässige Navigation und Peilung zu.

'Wilde' Passkontrollen

Unterwegs wurden wir nicht nur von regulären Polizisten kontrolliert, sondern auch Militär und neugierige Zivilisten wollten unsere Pässe sehen. Im allgemeinen verlangten wir zuerst einen Amtsausweis, bevor wir unsere Papiere hervorholten - oft nicht sehr zur Freude unseres Gegenübers. Einheimische bestätigten uns jedoch in diesem Vorgehen.

Obwohl man sich nach unserem Wissen in der Mongolei mit einem gültigen Visum frei bewegen darf, waren wir um unsere schriftliche Bestätigung der Polizeibehörde, uns uneingeschränkt im ganzen Land aufhalten zu dürfen, sehr froh. Nach dem Vorweisen dieses Papiers war immer alles sofort in Ordnung, und wir durften ungehindert weiterreisen.

Gefahren: Waldbrände, Wölfe, Bären, betrunkene Mongolen, Stechmücken, u.a.

Im Frühjahr werden von den Mongolen illegal viele Wälder und Steppen angezündet, was wegen der tagelangen starken Winde oft zu grossen unkontrollierbaren Bränden ausartet.

Vor Wölfen wird überall sehr eindringlich gewarnt, obwohl diese - vielleicht von der kalten Winterzeit, während der sie in Gruppen leben, abgesehen - kaum eine Gefahr für den Menschen darstellen. Normalerweise leben Wölfe alleine und sind extrem scheu.

Auch vor den Bären wird in einzelnen Gegenden gewarnt. Um diese Gefahr tatsächlich abschätzen zu können, müsste man mehr über die Art dieser Tiere wissen. Im allgemeinen sind Bären auch sehr scheu, doch gelangen sie mit Hilfe ihrer Intelligenz gerne an die Nahrungsmittel der Menschen und können dadurch bedrohlich werden.

Der Alkohol scheint in der Mongolei vermehrt zum Problem zu werden. Wir trafen oft auf an- oder betrunkene Mongolen, doch waren diese Begegnungen meist eher mühsam als aggressiv oder gefährlich.

Die Stechmücken und Fliegen waren uns, abgesehen von einer Gegend im westlichen Altay-Gebirge (Frühsommer), nur in der Regenzeit (Mitte Juli bis Ende August) eine unangenehme Plage.

Vom Wasser und von den Lebensmitteln geht unserer Ansicht nach keine allzu grosse Gefahr aus, doch kommt man um tüchtige und sehr unangenehme Magenverstimmungen wohl kaum herum. Um unsere Micropurtabletten waren wir ohnehin froh. Allgemein gilt: Je grösser der Fluss, desto mehr Jurten und Tierherden, desto unsauberer das Wasser.

Bei Unfällen oder ernsthafter Erkrankung steht ausserhalb von UB so gut wie keine medizinische Versorgung bereit. Für eine sterile Arbeit fehlt dort das Material, das Wasser und die Energie. Selbstversorgung ist hier auf jeden Fall angesagt.

Eine wohl kleinere Gefahr kann die im Sommer extreme Sonneneinstrahlung darstellen, vor allem in den Gebieten, in denen es keine schattenspendenden Bäume gibt. Mit heftigen Winden im Frühjahr muss gerechnet werden, was ein sturmfestes Zelt bedingt. Starke Regenfälle mit Überschwemmungen sind im Sommer stellenweise nicht auszuschliessen. Und beim Queren der brückenlosen Flüssen ist eine gewisse Vorsicht bestimmt nicht fehl am Platz.

Viele Warnungen werden von den Mongolen aber sehr stark übertrieben. So entpuppte sich zum Beispiel ein über zwei Meter tiefer Fluss als kaum hüfttief...

Hunde

Ein (bissiger!) Hund gehört zu jeder Jurte. Besucher werden von ihm schon ein rechtes Stück vor der Jurte gestellt und laut bellend ‘empfangen’. Die Besitzer rufen ihn nur selten zurück, meist ist er sich zudem nicht gewohnt, gehorchen zu müssen, so dass man sich in jedem Fall selbst zu helfen wissen muss. Wenn sechs Jurten nebeneinander stehen, so muss man mit sechs Hunden fertig werden. Die Mongolen "erziehen" ihre Hunde mit Steinen. Und uns blieb zu unserer Verteidigung oft nichts anderes übrig, als es ihnen gleichzutun.

Veloersatzteile

Ersatzteile waren selbst in Ulaanbaatar für unsere Fahrräder kaum zu kriegen. Es empfiehlt sich alles von Beginn an dabeizuhaben - wir kommen noch darauf: insbesondere gute Ersatzpneus. Bei uns hat auch ein Nachschicken aus der Schweiz mit dem privaten Paketservice EMS nicht geklappt - das Paket hat Ulaanbaatar nie erreicht.

Velos

Für kurze Reisen genügt ein anständiges Mountain-Bike. Bei längeren und anspruchsvolleren Abenteuern sollte man zumindest in der oberen Mittelklasse suchen. Auf alle Fälle ist es angebracht, sein Stahlpferd im voraus mindestens 2000 km intensivst zu testen, da sich besonders während dieser Zeit die Schwachstellen zeigen. Grundsätzlich ist es nötig, sein Rad auch auf der Reise komplett zerlegen und warten zu können. Für jede nur erdenkbare Panne muss man eine Reparaturstrategie bereit haben. Nur Leichtsinnige reisen mit einem brandneuen Edelbike, denn auch ein noch so hoher Preis garantiert nicht für Pannenfreiheit. Die bewährten und erprobten Komponenten aus der Mittelklasse sind meist die beste Wahl. Bei den exklusiven Teilen hingegen stehen eher Design und Gewicht im Vordergrund. Im folgenden einige Tips:

Fahrhaltung Die von mir (Gregi) bevorzugte, aufgerichtete Haltung belastet vermehrt das Sitzleder, entlastet dafür die Arme und Hände. Die liegende Position ist aerodynamischer, was insbesondere bei Fahrten gegen den Wind vorteilhaft ist, doch sieht man in dieser Rennposition weniger von der Umgebung. Die persönlich bevorzugte Position findet jeder erst mit der Zeit.
Rahmen Ich empfehle einen massiven und sauber gelöteten Stahlrahmen mit möglichst vertikaler Elastizität bei horizontaler Steifigkeit.
Gabel Eine Federgabel könnte vorteilhaft sein, doch traute ich keiner aktuellen Konstruktion. Zudem lässt sich bei den meisten Modellen der vordere Packtaschenträger kaum montieren. Eine defekte Federung ist weitaus unkomfortabler als eine konventionelle Gabel mit guten Dämpfeigenschaften.
Vorbau / Lenker / Griffe Diese Teile bestimmen wesentlich den Fahrkomfort und die Haltung. Schlechte Alulenker können unter den andauernden Vibrationen einen Ermüdungsbruch erleiden. Dicke Neoprengriffe helfen die Vibrationen zu dämpfen, sind rutschfest und fühlen sich warm an. Lenker, die viele Griffpositionen bieten, sind vorzuziehen.
Sattel Möglichst erprobt und gefedert beziehungsweise gepolstert sollte das gewählte Modell sein. Oft braucht es viele mehrtägige Testfahrten, bis man sein persönliches Exemplar gefunden hat. Fehlkäufe sind fast unumgänglich.
Gepäckträger Je robuster und erprobter, desto besser. Stahlgepäckträger lassen sich notfalls schweissen.
Tretlager Gut gelagert und möglichst in einer wartungsfrei abgedichteten Ausführung (Patronenlager).

Steuerlager

Die Lager sind meist ungenügend gedichtet und müssen auf langen Reisen gewartet (Reinigung und Fettung) und neu eingestellt werden können. Viele Kontersysteme lösen sich mit der Zeit von selbst. Es empfiehlt sich sehr, entsprechende Schlüssel trotz des hohen Gewichtes mitzunehmen.
Ritzel, Kettenblätter, Wechsler, Umwerfer

Da beim Offroad-fahren das kleine Kettenblatt am meisten strapaziert wird, nutzt sich dieses rasch ab. Wir hatten schon nach 2000 km erste Probleme damit und hätten gerne Ersatz dabei gehabt. Das kleinste Kettenblatt (vorne) lässt sich um 180° drehen, sofern das entsprechende Werkzeug vorhanden ist.

Speziell bei der Kette lohnt es sich nicht zu sparen! Wer seine Kette nicht regelmässig warten will (bei trockener Witterung alle 5 Tage und bei nassem Wetter oder bei Flussquerungen fast täglich), muss unbedingt Ersatz dabei haben. Wir reinigten die Kette trocken, mit einer Zahnbürste, bis sie äusserlich ganz sauber war, schmierten sie anschliessend mit mitteldünnem, hochwertigem Öl (wir verbrauchten insgesamt ca. 300 ml) und wischten sie zuletzt mit einem Lappen wieder trocken. Nur so kann verhindert werden, dass Staub und Sand daran haften bleiben und die Aluritzel und Kettenblätter noch rascher verschleisst werden. Gerade hier wäre Stahl dem Aluminium weit überlegen. Voll vernickelte Ketten rosten kaum. Mindestens einige Kettenglieder - zusammen mit Nietwerkzeug - sollten beim Ersatzmaterial dabei sein.

Schalt-, Bremskabel Diese dürfen nirgends scheuern oder vibrieren, da sonst die Kunststoffummantelung zerstört wird (bei uns passiert...).
Räder Die Räder müssen sehr gut und regelmässig gespeicht sein. Ein gelegentliches Nachzentrieren und korrektes Spannen der Speichen ist besonders wichtig. Speichen brechen normalerweise hinten rechts, so dass ein Zahnkranzablöser in die Werkzeugrolle gehört. Mit Kevlar-Notspeichen haben wir eine gute Erfahrung gemacht. Gedichtete und robuste Naben sind vorzuziehen. Für eine vergleichbare Reise empfehlen wir mindestens je zwei Ersatzreifen bester Qualität, da die scharfkantigen Steine die Flanken übel traktieren können. Von Faltreifen raten wir, trotz der Verpackungsvorteile dringendst ab. Um Ersatzreifen vor der intensiven Sonne zu schützen, können sie zum Beispiel einzeln mit Klebeband umwickelt werden. Je 3 bis 4 Ersatzschläuche und Unmengen von Flicken und Vulkanisierlösung sind ratsam. Pannenschutzeinlagen verhindern zwar das Eindringen spitzer Gegenstände, machen aber ihrerseits den Schlauch innert Kürze kaputt (Walkung). Der Luftdruck sollte dem Reifen und dem Gelände angepasst werden. Leider habe ich da das Optimum noch nicht herausgefunden...
Bremsen Hier kommt es vor allem auf die Bremsbeläge an. Gemäss unserer Erfahrung nutzen sich die Shimano-Modelle zu schnell ab und zerschleissen die Felge extrem stark, da Sand besonders leicht in deren Oberfläche eindringt. Gute Bremsklötze sind nicht billig, müssen aber auch nicht übertrieben teuer sein. Ab etwa 3000 km muss man auch hier Ersatz dabei haben.
Pedalen Leider kenne ich kein genügend gedichtetes Modell. Besonders bei vielen Flussquerungen müssen die Pedalen zwecks Wartung und Einstellen des Lagerspiels zerlegt werden können. Entsprechendes Werkzeug mitnehmen.
Schutzbleche, Ständer, Licht Schutzbleche können nützlich sein, sind aber sperrig beim Transport. Auf Ständer und Licht haben wir verzichtet.
Pumpe Nur eine sehr gute Pumpe aus Aluminium mit Ersatzdichtungen kann vor bösen Überraschungen schützen. Die unbrauchbaren, mit den meisten Velos mitgelieferten Plastikpumpen lässt man am besten gleich im Geschäft liegen.
Schalt-, Bremshebel Eine sturzgeschützte Montierung ist vorteilhaft.

Tips zu anderen Ausrüstungsgegenständen

Zelt Kein Zelt bleibt auf die Dauer dicht! Eventuell Imprägniermittel und Nahtdichtpaste mitnehmen. Nähte auch bei neuen Zelten innen und aussen mit Silikon gründlich abdichten. Bei kräftigem Wind zusätzliche Abspannleinen montieren. Ein Rohrstück für die Stangen und spezielles Klebeband für allfällige Risse oder Löcher im Stoff gehören mit ins Gepäck. Erdnägel sind besser geeignet als Profilhäringe aus Alu, Kunststoffhäringe sind sehr schwer in den meist harten Boden zu drücken.
Mätteli Keine aufblasbaren Mätteli! Bei dornigem Untergrund kann der Zeltboden geschützt werden, indem das Mätteli unter das Zelt gelegt wird.
Kocher Die Benzin- beziehungsweise die Vergaserleitung des Kochers neigt zum Verstopfen und sollte gereinigt werden können. Sämtliche Verschleissteile an Brenner und Pumpe nimmt man am besten als Ersatz mit. Ein guter Windschutz hilft, viel Benzin zu sparen.
Packtaschen Geeignet sind ausschliesslich solche, die aus besonders robustem Material gefertigt sind. Gewichtsparen lohnt sich besonders hier nicht. Eine gebrochene Aufhängung muss repariert werden können. Ausser bei den wirklich wasserdichten Rolltaschen von Ortlieb empfehle ich gute, wasserdichte Innensäcke zu benutzen. Plastiksäcke gehen zu schnell kaputt. Ausserdem ist darauf zu achten, dass weder eine Niete, noch der Pfannenrand, etc., dass nichts bei den anhaltenden Vibrationen scheuert. Alle Kanten und spitzen Gegenstände müssen geschützt werden. Speziell von Taschen der Marke Karrimor raten wir dringend ab!
Diverses Wasserentkeimungstabletten, Wassersäcke (wir hatten zwei 4 Liter und einen 10 Liter Sack dabei), eine sehr gute und mit universellen, aber potenten Medikamenten ausgerüstete Notapotheke (wir haben sie zweimal dringend benötigt), als Europäer: Vitamintabletten (auch um diese waren wir sehr froh)...
Reparaturmaterial Zweikomponentenkleber, reissfestes Klebeband, Schnüre, sehr reissfeste Fäden, robuste Nadeln, eine Nähahle, Leder- und Stoffstücke, Draht, Schnellnieten und vor allem: viele Kabelbinder in diversen Grössen (erhältlich im Elektrofachhandel)...

Kontaktadresse: suter@dial.active.ch


   

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Last Update: 10. September 2006